PRESSEARTIKEL


Damit die Liebe wieder fliesst (2003)


Aus meiner Erfahrung als Tantratherapeutin in Gruppen und Einzelsitzungen kann ich sagen, dass ein großer Teil der sexuellen Schwierigkeiten durch unsere gesellschaftlichen Konditionierung rund um das Thema Sex hervorgerufen wird. Zum einen sind da die ganz alten Regeln, die eine Frau zu erfüllen hat: Mutter sein, Ehefrau sein, Sorge für Familie und Kinder tragen. Aber eine Frau lernt nicht, was es bedeutet mit sich selbst verbunden zu sein und sich mit der eigenen Sexualität anzufreunden. Zum anderen werden wir zum Thema Sex beeinflusst von den Medien, der öffentlichen Meinung, die alle von Männern geprägt werden. Nackte Frauen auf Titelblättern von Magazinen, wie Playboy oder Penthouse wecken die Vorstellung, Frauen hätten nur als Objekt der Begierde und zur Erfüllung von Männerwünschen da zu sein. An das Thema ‚besserer Sex’ geht man dementsprechend ‚männlich’ heran und  versucht Sex zu etwas zu machen, das man durch Techniken erlernen könne. Man setzt ein Ziel und gibt den Menschen die Illusion,  es  durch Aktivität und Anstrengung erreichen zu können.


Sessions

Tantra – Damit die Liebe wieder fließt

Guter Sex wäre demnach etwas, was man oder frau trainieren kann. Die „richtige“ Technik führt dann zum Höhepunkt, den möglichst beide gemeinsam erreichen. Diese Technik- und Orgasmusfixiertheit wird für viele zum Hindernis und kann sogar zu Blockaden im Körper und im Sex führen. Sobald wir nämlich ein Ziel vor Augen haben, verlieren wir den Kontakt zu diesem Augenblick; denn ein Ziel liegt immer in der Zukunft. Deshalb versuche ich Frauen und Männer einzuladen, beim Sex mehr in den Moment zu kommen und dort auch mehr und mehr zu verweilen. Um diesen Spielraum zu unterstützen müssen wir wegkommen von einer männlich geprägten Sexualität, hin zu mehr Meditation und Achtsamkeit im Liebesspiel.


Nun möchte ich mein Augenmerk auf die Frauen richten. Für sie geht es darum sich bewusst zu werden, wie sehr sie ihre Sexualität nach den männlichen Qualitäten ausrichten. Werden sie beim Sex, um mit dem Mann mithalten zu können, aktiv, aggressiv, schnell und zielorientiert sind, kommen sie meist zu kurz. Der Sex wird dann als frustrierend erlebt und nicht als etwas, das nährt und bereichert. Dieser Frust kann bei manchen Frauen dazu führen, dass sie den Mann mit seiner Sexenergie abweisen und sich ihm nicht mehr öffnen können oder wollen. Frauen haben einen anderen Körper und einen anderen Rhythmus als Männer. Sie müssen lernen sich selbst die nötige Zeit zu geben um ihre Liebe zu spüren und den Körper sich öffnen zu lassen, damit sie sich hingeben und entspannt im Sex fließen können.


Die größte Kraft einer Frau liegt in ihrer Rezeptivität, ihrer Fähigkeit im Moment zu verweilen und Weite, Ruhe, Liebe und Verletzlichkeit zuzulassen und den Mann in diesen Raum einzuladen. Dies erfordert jedoch viel Selbst-Bewusstsein. Fehlt dies nämlich so wird ihre Verletzlichkeit häufig als Schwäche, Passivität und Hilflosigkeit missverstanden. Um nicht verletzt, missbraucht oder ausgenutzt zu werden, wird manche Frau im Sex dann zu aktiv oder zu schnell und verliert den Kontakt zu ihrer eigentlichen Kraft. Sie muss sich immer wieder daran erinnern, nichts ‚tun’ zu müssen. Sie braucht einfach nur da zu sein, den eigenen Impulsen zu folgen und alles passieren zu lassen – was natürlich auch Bewegungen einschließen kann. Eine Frau, die sich wirklich öffnet und in diese Kraft hinein entspannt, kann den Mann in sich aufnehmen und mit ihm verschmelzen. Dann sind die Männer gefordert: sie  müssen lernen mit dieser Weite, mit dieser tiefen Entspanntheit zu sein, ohne sich dabei aufzugeben.

Können beide ihren „Raum“ halten und gleichzeitig verschmelzen, wird der Orgasmus zweitrangig. Die Grenzen lösen sich auf und ein Verschmelzen findet statt, das uns wirklich in der Tiefe berührt und nährt. Für die Frau beginnt dieser Prozess im Herzen und in ihren Brüsten. Von dort fließt die Liebe zum Mann. Von dort kam auch die Nahrung zum Baby. Liebe, Nahrung und Geben sind also tief verwoben mit dem Herzen einer Frau.

Damit Sex zu Liebe werden kann, müssen beide lernen bewusst zu geben und auch zu empfangen, so dass ein Kreislauf, ein Energiefluss zwischen Mann und Frau entstehen kann.


Dies bringt mich zu einem anderen Aspekt, auf den ich immer wieder stoße: Männer wie Frauen orientieren sich im Sex zu sehr am  Partner. Frauen lassen den Mann das Tempo, den Zeitpunkt oder die Qualität der sexuellen Begegnung bestimmen. Das Augenmerk der Frau ist dadurch mehr beim Partner als bei sich selbst. Das trifft natürlich auch auf den Mann zu. Er erlebt sich als toller Liebhaber, wenn die Frau so richtig abgeht und womöglich multiple Orgasmen erfährt. So sind beide mit ihrer Aufmerksamkeit beim Partner und werden achtlos für die eigenen Empfindungen und Bedürfnisse zu. Solange der Fokus auf den Anderen gerichtet ist, kann es zu keiner Tiefe und keiner wirklichen Begegnung kommen.

Das bedeutet, dass es für beide Partner immer wieder darum geht, die Aufmerksamkeit auf den eigenen Körper, den eigenen Atem, die eigene Kommunikation und das eigene Befinden zu richten.

Sich selbst zu fragen:  Wie bin ich verbunden mit meiner Sexenergie? Was spüre ich überhaupt in meinen Genitalien? Wie fühlt es sich an, wenn mein Sex sich entfaltet und ins Fließen kommt? Wie atme ich eigentlich? Hilft es mir wenn ich über meine Selbstwahrnehmung mehr kommuniziere? - Fragen wie diese helfen die Aufmerksamkeit auf den eigenen Körper und die eigene Energie zu richten.  Dabei gibt es ein paar Dinge auf die man achten kann, um im Moment und mit sich selbst verbunden zu bleiben:

Das erste ist der Atem. Die Aufmerksamkeit auf das Atmen zu lenken und es zuzulassen, bringt dich zurück ins Hier und Jetzt. Er lässt dich präsent sein, schärft deine Wahrnehmung und hilft dir in diesen Moment hinein zu entspannen. Wenn du ihn anhältst, zeigt dir das, dass etwas in dir nicht fließen kann. Erlaube dir hinzuspüren, was dich die Luft anhalten lässt – vielleicht ist da z.B. Scham, Angst vor Kontrollverlust, Wut oder auch einfach eine  beängstigende tiefe Lust oder Ekstase.


Das zweite ist der Körper. Körper und Atem sind im Jetzt. Sie leben nicht in der Zukunft oder der Vergangenheit und sind damit gute Anker für diesen Moment. Achte auf den Rhythmus deines Körpers. Erlaube dir deinen eigenen Körper und deine Genitalien kennenzulernen.

Wenn du um das Thema Sex herum viel Verspannung, Angst oder Scham erlebt hast, zeigt sich das auch auf körperlicher Ebene, zum Beispiel in einem angespannten Becken und zwar speziell im Beckenboden und rund um die Genitalien. Um mehr Achtsamkeit und Entspannung einzuladen, kannst du die beiden aktiven Meditationen Kundalini und Dynamische oder Bioenergetik und bestimmte Yogaübungen sowie tiefe Atemübungen machen. Sie tun einfach gut und lenken deine Aufmerksamkeit und  Energie auf diesen Bereich, wo dein Körper wieder zu seinem natürlichen Vibrieren und Schwingen zurück-findet.

Eine andere Möglichkeit mehr Bewusstsein in deine Genitalien zu bringen ist eine kleine Übung: Lege deine Hand auf die eigenen Genitalien und nehme wahr, was da passiert. Was spürst du? Wie fühlen sich deine Genitalien an? Bleib einfach nur achtsam für diesen Bereich, ohne dich selbst anregen zu wollen. Du wirst überrascht sein, wenn du feststellst, dass es dort eine Menge zu spüren gibt. Erlaube dir auch deine Wahrnehmungen zu benennen, denn so kommen sie dir deutlicher zu Bewusstsein. Vielleicht tauchen dabei auch Erinnerungen auf, die du mit deinen Genitalien verbindest - gute aber auch weniger schöne. Erlaube sie. Jetzt geht es einfach nur darum hinzuschauen und wahrzunehmen – ohne zu urteilen.


Das dritte ist die Kommunikation: Sie ist eine weitere Möglichkeit Nähe und Offenheit zwischen dir und deinem Partner zu schaffen. Dabei geht es darum zu lernen deine Bedürfnisse auszusprechen und dem Mann/der Frau mitzuteilen, was gerade bei dir passiert. Dies öffnet dich – und damit die Möglichkeit zu einer tiefen Begegnung. Es können ganz einfache Sätze sein, in denen du von dir selber sprichst (und nicht urteilend über den anderen  redest …) mit denen du dich zeigst und damit verletzlich und offen machst. Durch diese simple Form der Kommunikation entsteht ein tiefes Verständnis für den anderen, eine Nähe und Intimität, die den feineren Wahrnehmungen Raum gibt, sie benennt und nicht einfach über sie hinweggeht. Sie hilft Missverständnisse auszuräumen, sich noch feiner einzustimmen und schafft mehr Verbundenheit.

Wenn beide Partner ihren Sex als Meditation, als Übung in Präsenz und Aufmerksamkeit verstehen, dann findet eine Verwandlung statt, dann wird die oft unbewusst ausgelebte Sexenergie mehr und mehr zu Liebe, zu einem tiefen Entspannen in den Moment. Wenn dies geschehen kann, wächst auch die Dankbarkeit, dass dies durch und mit dem anderen möglich ist.